Es gibt große Unterschiede zwischen dem deutschen und dem österreichischen System, was Reihung von Transplantationskandidaten und Qualifizierung als Organspender angeht.
Das Transplantationswesen ist in Österreich streng reglementiert.  
foto: apa/balazs mohai
Das Transplantationswesen ist in Österreich streng reglementiert.

Es klingt wie ein wahrgewordener Albtraum: Einem vermeintlich Hirntoten werden seine Organe entnommen - und als es schon längst zu spät ist, stellt sich heraus, dass er eigentlich noch gelebt hat. Ob es sich in Deutschland wirklich so zugetragen hat, geht aus einem vor wenigen Tagen in der "Süddeutschen Zeitung" erschienenen Artikel nicht hervor. Einem Kleinkind sollen aber Organe entnommen worden sein, ohne dass der Hirntod nach den festgelegten Richtlinien diagnostiziert worden war.

"Ob das stimmt, traue ich mich nicht zu beurteilen", sagt Florian Iberer, Leiter der klinischen Abteilung für Transplantationschirurgie an der Medizinischen Universität Graz. Dass Fehler passieren, sei zwar möglich, in Österreich sei das Transplantationswesen durch das Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) aber normiert geregelt. Es gebe ein genaues Hirntodprotokoll sowie vom ÖBIG eingesetzte lokale Transplantationskoordinatoren, die dessen Einhaltung überwachen.

Zwei zur selbstständigen Berufsausübung berechtigte Ärzte, die nachweislich mit dem Transplantationsgeschehen nichts zu tun haben, müssten unabhängig voneinander den Hirntod feststellen und diesen schriftlich bestätigen. Obwohl die Fachrichtung dieser Ärzte nicht näher definiert ist, handelt es sich dabei laut Iberer immer um den jeweils dienstältesten Anästhesisten auf der Intensivstation. Ein Ausbildungsdefizit, wie vonseiten seiner deutschen Kollegen im erwähnten Artikel bemängelt, sieht er in Österreich was die Diagnostik angeht nicht: Es gäbe laufend Fortbildungsveranstaltungen und klare Regeln, die einzuhalten seien. Erst wenn der Hirntod bestätigt ist, treten die Transplantationschirurgen auf den Plan: "Wir haben keinerlei Einfluss darauf, ob jemand als hirntot gemeldet wird", betont Iberer.

Unterschiede zu Deutschland

In Deutschland ist das Image der Transplantationsmedizin angekratzt: Vor einem Jahr erst gab es zu einen Organspendenskandal, bei dem zahlreiche Kliniken aufgrund von gefälschten Patientendaten am Pranger standen. Es ist ein System, das laut Iberer Betrug begünstigt: Im Unterschied zu Österreich, wo Transplantationsfälle spezifisch und nach genauen Richtlinien gereiht werden, übernimmt in Deutschland diese Reihung der Computer und geht dabei nach dem MELD-Score vor - einem Punktesystem, das den Grad des beginnenden Leberversagens und die Dringlichkeit einer Transplantation definiert. Je höher dieser Score ist, desto dringlicher ist eine Transplantation - und desto höher wird der Patient gereiht.

Deshalb wird laut Iberer in Deutschland viel länger mit Transplantationen zugewartet als in Österreich - was oft auf Kosten der Patienten geschieht: "Wenn ich warte, bis der MELD-Score so hoch ist, dass ich ein Organ bekomme, dann hat der Patient nicht mehr 95 Prozent Überlebensrate, sondern nur mehr 60 Prozent." Bei einem MELD-Score von 36, wo man in Deutschland ein Organ bekomme, würden in Amerika die Patienten aus dem System abgemeldet, weil die Erfolgsaussichten zu gering seien. "Im großen Mutterland der Medizin macht man also das Gegenteil von Deutschland", sagt Iberer.

Auch darin, wer als Organspender infrage kommt, unterscheiden sich Deutschland und Österreich: Während man in Deutschland im Normalfall einen Organspendeausweis benötigt, kommt in Österreich grundsätzlich jeder für die Organspende infrage - außer er meldet sich im Nichtspenderregister ab. Derzeit seien darin rund 14.000 Menschen registriert, Hauptmotivation für viele: "Kein Vertrauen in die Medizin", so Iberer. Viele würden befürchten, dass sie im Fall des Falles nicht therapiert, sondern ihnen gleich die Organe entnommen würden.

Vor jeder Entnahme müsse man sich beim Nichtspenderregister genau erkundigen, ob der potenzielle Spender registriert ist. "Ohne diese Auskunft gibt es keine Organentnahme in Österreich", sagt der Mediziner. Außerdem würden immer die Angehörigen gefragt und Aufklärung geleistet, die aber nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Laut Statistik gibt es zwischen 40 und 60 potenzielle Organspender pro Million Einwohner - de facto sind es insgesamt laut Iberer in Österreich jährlich rund 200. Nur der Hälfte der möglichen Spender werden tatsächlich Organe entnommen, so Iberer.

Damit sich diese Zahlen verbessern, müsse an der Kommunikation zwischen Ärzten und Angehörigen gearbeitet werden. Vom ÖBIG werden für die schwierigen Gespräche mit Angehörigen von Hirntoten eigene Kommunikationsseminare für Ärzte angeboten. "Sie müssen sich das vorstellen. Ich sage Ihnen: Ihr Mann ist gestorben, darf ich sein Herz haben?", so Iberer. Die Thematik benötige eine hochempathische Kommunikation. Man dürfe Angehörigen nicht das Gefühl geben, dass sie in der schwierigen Zeit eine Entscheidung treffen müssen.

Diskussion über eigenen Tod

Öffentliche Debatten wie jene in Deutschland bewirken auch in Österreich eine Verunsicherung der Menschen und eine Angst vor "wildgewordenen Medizinern". In der Debatte gehe es aber um mehr: "Das ist ein Surrogat für eine Diskussion über den eigenen Tod", ist Iberer überzeugt. Es gEbe genug Menschen - auch aus dem Fach -, die die Transplantationsmedizin kritisch beobachten. Fehler würden an die Öffentlichkeit gelangen - wie eben vergangene Woche im Artikel der "Süddeutschen". Das hat aber auch eine Kehrseite: "Das Problem mit solchen Artikeln ist: Mit jedem davon bringt man jemanden um, weil die Leute ihre Organe mit ins Grab nehmen", so Iberer. "Und wenn das Vertrauen weg ist, dann muss man die Medizin zusperren." (Franziska Zoidl, derStandard.at, 21.2.2014)

 

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